Die Welt ist zu schön, um darüber hinweg zu fliegen

Unterwegs entlang der Cote du Leon, der Cote des Abers und auf den Halbinseln von Crozon und Sizun

Auf der Weiterfahrt von Point Primel legen wir einen Zwischenstopp in Morlaix. Seit 2019 gibt es dort nämlich jedes Jahr ein Street Art Festival, bei dem verschiedene Künstler Fresken an Fassaden malen. Da die Wandgemälde über die ganze Stadt verteilt sind, gleicht die Suche nach ihnen einer Schnitzeljagd. Der  Plan aus dem Touristeninformationsbüro hilft auch nicht wirklich, denn dort sind nur die Künstler vermerkt, ohne Angabe zu Motiv oder Größe. So finden wir einige Bilder, die wir gerne gesehen hätten, nicht.

Morlaix liegt in einem tiefen Tal an der Mündung des gleichnamigen Flusses. Ungewöhnlich ist, dass die Stadt von einem 1861 gebauten Eisenbahnviadukt (Bahnlinie Paris-Brest) überspannt wird. Ansonsten hat die Stadt (15000 Einwohner) zwar eine nette kleine Altstadt, aber keine spektakulären Sehenswürdigkeiten zu bieten.  

Wandbild von ZAG mit Eisenbahnviadukt
Die Eisenbahnstrecke Brest - Paris verläuft über der Stadt
Wandbild von WD, genannt "Die Flaschenpost"
Nach diesem Bild haben wir lange gesucht: es ist in einem Hinterhof verborgen

Wir wollen heute auf einem Campingplatz am „Plage de Amiens“ übernachten, weil der eine tolle Aussicht auf Meer und Strand bieten soll. Die Plätze oben auf der Düne sind auch tatsächlich sehr schön, nur leider ist der Wind tagsüber so stark geworden, dass wir uns lieber ohne Aussicht in den Windschatten begeben. Nicht nur mit dem Wind sind wir unzufrieden, auch mit dem Platz und seiner Verwaltung an und für sich. Zweimal läuft Ulrike (weit!) zur Rezeption, um uns anzumelden und niemand ist da, obwohl eigentlich geöffnet sein sollte. Zum einzigen noch nicht versperrten Sanitärbereich muss man (weit!) im Stockdunkeln laufen und aufpassen, nicht in eines der unendlich vielen Kaninchenlöcher zu treten. Und am nächsten Morgen muss man erst jemanden suchen, der einem die Schranke zur Ausfahrt öffnet. Bislang mit 25 € der teuerste und schlechteste Platz unserer Reise. Aber der Strand ist wirklich sehr schön!

Als nächste Sehenswürdigkeit besuchen wir das kleine Museumsdorf Meneham. Die Betonung liegt auf „klein“, weil es wirklich nicht viel zu sehen gibt. Eine Reihe von Häuschen und ein „Maison de garde“. „Maisons de garde“, Wachhäuser, findet man überall entlang der bretonischen Küste. In den Häuschen konnten sich die Zöllner aufwärmen und durch Fenster weiter Ausguck halten.

Meneham wurde als Garnison für die Zöllner gebaut, die auf dem 1791 angelegten Zöllnerpfad patrouillierten, um den Schmuggel von England nach Frankreich zu unterbinden. Zu dieser Zeit befanden sich England und Frankreich im Krieg und England hatte eine Seeblockade über die französischen Hafenstädte verhängt. Napoleon I führte dann die Kontinentalsperre ein. Das bedeutete, dass jeglicher Handel mit England verboten war und zwar nicht nur für Frankreich sondern auch für alle von ihm eroberten europäischen Staaten. Das war die Hochzeit der Schmuggler und der Zöllner entlang des Zöllnerwegs.

Nach Ende des französischen Protektionismus zogen Fischer in die nun leerstehenden Häuser des „Stützpunktes“ Meneham. Sie lebten von der Algenernte. Algen wurden gesammelt, getrocknet und dann in speziellen Algenöfen (lange, mit Steinen ausgekleidete Gräben in den Dünen) verbrannt, bis nur noch die sogenannten Natriumbrote übrig waren, die an ansässige Jodfabriken verkauft wurden. Die Ausbeute lag etwa bei 10 kg pro Tonne eingesetzter Algen.

Maison du Garde in Meneham
Algenofen
Strand bei Meneham

Der alte Zöllnerpfad ist heute der berühmte Fernwanderweg GR 34, der die gesamte bretonische Küste entlang vom Mont St. Michel bis nach St. Nazaire führt. Er ist über 2000 km lang! Immer wieder sind auch wir auf Teilstücken unterwegs.

Unser nächster Campingplatz liegt bei Plouguerneau am Strand „Greve Blanche“. Wir bleiben drei Nächte auf dem schönen Platz mit Meerblick.

Mittagessen mit Aussicht
Campingplatz mit Leuchttürmen auf der Ile Vierge im Hintergrund
Skulptur (soll das Trump sein?) mit Maison du Garde
Der Bildhauer im Kilt an der Arbeit an weiteren Skulpturen

Leider ist es extrem diesig und die Luftfeuchtigkeit sehr hoch. Am ersten Morgen ist es bis Mittag neblig, so dass wir spontan beschließen, unsere Wäsche zu waschen. Nachdem das erledigt ist, klart es auf und wir fahren mit dem Rad die Küste entlang und klappern die diversen Aussichtspunkte auf die gegenüberliegende Insel „Ile Vierge“ ab. Hier steht Europas höchster steinerner Leuchtturm (Höhe 84 m, Tragweite 52 km). Direkt daneben steht der alte Leuchtturm, mit 33 m Höhe wirkt er wie ein Winzling. Im Örtchen Lilia kehren wir in eine nette Bar ein. Rings um uns herum essen Franzosen Austern, wir belassen es bei einem Cidre. Am Abend essen wir dafür in Kerlouan in einem netten kleinen Lokal ganz wunderbar  mit Blick aufs Meer. Es gibt besonders viel Meer zu sehen, weil heute nämlich Springflut ist.

Wanddekoration im Lokal des Austernanbauers Legris: verschiedene Editionen ihrer Verpackung

Bei Springflut ist auch die Ebbe besonders niedrig, so dass es möglich ist, zu Fuß zur Insel „Ile Wrac’h“ zu laufen. Es ist viel los auf dem Meeresboden: Mit einem Traktor werden Algen geerntet und hoch auf einen Wagen getürmt, in den Austernbänken fahren die Traktoren und zu Fuß sind jede Menge Einheimische unterwegs, die Crevettes (Garnelen) fangen oder nach Muscheln graben. Und das, obwohl heute ein Werktag ist. Aber wenn Springflut ist, muss man das offensichtlich ausnutzen!

Leuchtturm auf der Ile Wrac'h von der Meerseite aus gesehen
Algenernte
Arbeit an den Austern

Am Samstag fahren wir weiter zur Landspitze Pointe de St. Mathieu, die den Eingang der Einfahrt nach Brest markiert. Den westlichsten Punkt Frankreichs lassen wir aus, denn dort waren wir bereits letztes Jahr. Am Pointe de St. Mathieu gibt es eine ungewöhnliche Kombination aus einem Leuchtturm und den Ruinen einer Abtei zu sehen. Dazu noch eine Radarstation und ein Sektionsfeuer hinter der Abtei.

Radarstation, Ruine der Abtei, Leuchtturm und Kirche
Ulrike war oben, Peter nicht
Keine Drohnenaufnahme, sondern Blick vom Leuchtturm

Heute ist es ausgesprochen warm und fast hätte sich Ulrike am Nachmittag überwunden ins Wasser zu gehen. Aber wir verlassen, ebenso wie drei andere Wohnmobile, blitzartig den Stellplatz am Meer als wir hören, dass am benachbarten Campingplatz heute bis in die Morgenstunden eine große Veranstaltung mit viel Lärm stattfinden soll. Glücklicherweise ist der große Stellplatz in Plougonvelin nicht weit. Dort machen wir noch einen interessanten Abendspaziergang zum Fort de Bertheaume, das auf einer vorgelagerten Insel liegt.

Wir erwachen bei dichtem Nebel und umrunden im Regen Brest. Nach einem Zwischenstopp im Örtchen Le Faou geht es weiter bis nach Camaret-sur-Mer.

Le Faout
Camaret sur Mer
Bootsfriedhof an der Mole in Camaret
Kapelle Notre Dame de Rocamadour mit von geretteten Seeleuten gestifteten Votivgaben

Nach unserem Spaziergang nach Camaret wird das Wetter immer besser. Wir essen schnell im Balu zu Abend und laufen danach entlang des Zöllnerweges zum „Pointe de Pen Hir“. Unterwegs gibt es viel zu sehen: das Alignement von Lagatjar mit 143 Menhiren und die Festung Kerbonn.

Alignement direkt neben unserem Stellplatz
Festung Kerbonn

Die Festung Kerbonn besteht aus vielen riesigen Geschützbunkern. Ursprünglich gab es hier eine Küstenbefestigung der französischen Marine von 1889. Nach dem deutschen Einmarsch wurde sie 1942 zu einer Küstenbatterie ausgebaut, die den südlichen Eingang zum deutschen U-Boot Stützpunkt in Brest verteidigen sollte. Die Anker vor der Festung erinnern an die Atlantikschlacht und die 45.000 Seeleute der Handelsmarine, die ertrunken sind, weil deutsche U-Boote die Geleitzüge der Alliierten angegriffen haben, die Großbritannien versorgen sollten.

Fast direkt am Kap steht ein riesiges lothringisches Kreuz das 1951 von General du Gaulle eingeweiht wurde. Es erinnert an die freien Streitkräfte der Bretagne und ist so ausgerichtet, dass die Breitseite zu dem Punkt zeigt, an dem am 18.Juni 1940, dem Gründungstag der freien Streitkräfte, die Sonne aufgegangen ist. Eingraviert ist der Appell von de Gaulle: „Frankreich hat eine Schlacht verloren, es hat aber im freien Universum nicht den Krieg verloren!“

Hier könnt ihr das Video eines Fluges um das Kreuz sehen:

Am nächsten Morgen kommt der Regen...
...und man sieht nicht mehr viel vom Kap

Am Morgen fahren wir zum Frühstück nochmal zum Kap hinaus. Leider setzt relativ schnell der prognostizierte Regen ein. Also legen wir für unsere Verhältnisse ordentlich Strecke zurück (80 km!) und fahren hinüber auf die nächste Halbinsel namens Sizun. In Audierne hört es auf zu regnen, so dass wir durch die Stadt spazieren können. Unser Ziel ist ein kleiner Campingplatz in Kermalero nahe dem „Pointe du Raz“.

Audierne
Haus in Kermalero

Vom Campingplatz zum Kap sind es auf der Straße knappe 10 km, über den Radweg sind es fast 15 km. Dafür fährt man abseits der Hauptstraße durch nette Dörfer. Unterwegs legen wir noch einen Fotostopp an den bunten Fischerschuppen am mittlerweile vom Meer zerstörten Hafen Pors Loubous ein.

Das „Pointe du Raz“ ist die bekannteste Sehenswürdigkeit der Bretagne, obwohl es nicht der westlichste Punkt Frankreichs ist. Das ist der weiter nördlich gelegene und wesentlich weniger spektakuläre „Pointe de Corsen“. Peter läßt seine Drohne fliegen, wagt sich aber nicht bis hinüber zum vorgelagerten Leuchtturm: Der ist nämlich 1,5 km von der Landspitze entfernt, obwohl er so nahe erscheint!

Am „Pointe du Raz“ gibt es üble Strömungen und Kreuzseen und es hat in der Umgebung unzählige Schiffbrüche gegeben. Deswegen wird es auch als Kap Horn Frankreichs bezeichnet. Die Luft ist heute so klar, dass man die 8 km entfernt liegende „Ile de Sein“ ohne Probleme erkennen kann, ebenso wie die weiter nördlich gelegenen Kaps, die wir in den letzten Tagen besucht haben.

Wir können auf wirklich schöne Tage zurückblicken!

Blick vom Kap auf den vorgelagerten Leuchtturm und die Ile de Sein

6 Antworten

  1. Hallo Ihr Lieben, wieder so schöne Bilder und Berichte von Eurer Reise. Falls Ihr in der Normandie in die vom Mount St. Michel kommt, gegenüber liegt Huisnes-sur-Mer. Da ist ein großer Soldatenfriedhof auf dem Horst (Bruder von Heinz) begraben ist.
    Weiter gute Fahrt und viele schöne Erlebnisse. Liebe Grüße Ita

  2. Die Halbinsel Quiberon nicht entgehen lassen! Es gibt in Kermorvan sowohl Stellplatz als auch Campingplatz, wir waren auf letzterem.
    Besuch: Sardinendosenherstellung.
    Grüße
    Horst

  3. Hallo,
    wieder tolle Bilder und viel interessante Information.

    Immer eine Freude Euch zu (ver)folgen. Wir warten auf die nächste Folge!

    Herzliche Grüße
    H+D

  4. Sehr spannend und interessant zu lesen, zumal auch wir eine Reise in die Bretagne geplant hatten, wegen gesundheitlichen Gründen aber streichen mussten. Normandie und Bretagne sind scheinbar dieses Jahr bei den Campeuren eine gefragte Destination, sind doch zur Zeit gerade vier von unseren Campernfreunden dort unterwegs.
    Weiterhin gute Fahrt mit hoffentlich keinen weiteren Pannen wünscht
    Christina

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