Die Welt ist zu schön, um darüber hinweg zu fliegen

Im Süden Frankreichs dem Regen entkommen

An unseren letzten Tagen in der Dordogne bahnt sich im Wetterbericht nichts Gutes für die nahe Zukunft an: ein riesiges Regengebiet wird ganz Mittelfrankreich treffen. Da haben wir keine Lust darauf. Wir entschließen uns, das Regengebiet im 90 Grad Winkel zu durchqueren und nach Süden zu fahren. Auf dem Weg liegt noch der Ort Rocamadour, sozusagen das Rothenburg Mittelfrankreichs. Da kann man schlecht daran vorbeifahren, wenn man schon so nah dran ist.

Zuerst geht es ganz zügig entlang der Dordogne, dann aber werden die Straßen kleiner und wir brauchen viel mehr Zeit, als wir eingeplant haben. Mittlerweile hat sich leider auch das Wetter eingetrübt. Am Ziel ist es ein Ärgernis, dass man mit dem Wohnmobil auf keinem der zentraleren Parkplätze parken kann, weil sie alle mit Höhenbegrenzungen versehen sind. Wir wollen nicht viel Zeit aufwenden und wegen des Wetters auch nicht noch eine Nacht auf einen Campingplatz gehen. Also fahren wir auf schmaler, steiler Straße ins Tal hinunter, parken dort am Straßenrand, machen ein paar Fotos und fahren weiter.

Rocamadour

Unsere Übernachtung haben wir in Millau geplant, einer Stadt am Ende der Tarn Schlucht in der Bergregion Okzitanien. Die schöne Tarn Schlucht haben wir mehrfach in den 80er Jahren mit unserem Kanu besucht und noch einmal 2019. Am auffälligsten in Millau ist die Autobahnbrücke, die mit 2460 m Länge die längste Schrägseilbrücke der Welt ist.

Wir übernachten auf einem sehr hübschen Campingplatz außerhalb der Stadt. Es beginnt schon am Abend stark zu stürmen und wir verwenden weder Stromkabel noch Auffahrkeile, um am nächsten Morgen nicht so viel nasse Ausrüstung einpacken zu müssen. Es bleibt aber beim Sturm, kein Regen und glücklicherweise müssen wir nicht über die dem Seitenwind exponierte Autobahnbrücke! Wir können sie über eine Strecke über die kahle Hochebene Causses du Larzac umgehen.

Sie liegt 1000 m hoch und hat nichts Südliches an sich. Hier war mein Großvater Hermann (Jahrgang 1900) von Mai bis Dezember 1945 unter schlimmen Bedingungen in Kriegsgefangenschaft. In Erinnerung an seine Zeit im Krieg (in der Beschaffungs- und Versorgungsstelle in Reutlingen) und in französischer Gefangenschaft hat er folgenden Aufruf an seine Nachkommen hinterlassen: Werdet Kriegsdienstverweigerer! Nur so können Kriege verhindert werden.

Der Regen erwischt uns auf der Weiterfahrt von Millau an die Mittelmeerküste, so dass wir von der schönen Gegend wenig sehen. Kurz vor Avignon hört es auf zu regnen und wir beschließen, einen Abstecher an die Pont du Gard zu machen. Der Besuch des römischen Aquädukts ist kostenlos, aber fürs Parken muss man bezahlen. Dafür gibt es keine Höhenbegrenzung der Parkplätze. In unseren Augen die gerechtere Lösung für Wohnmobilisten.

Nach einem kurzen Fußweg liegt das schöne römische Aquädukt vor uns. Beeindruckend ist auch, welches Hochwasser der Gardon führt. Er wälzt sich als braune Brühe unter der Brücke durch, ab und an schwimmen Baumstämme vorbei. Ganz anders haben wir es in den 80er Jahren erlebt, als wir hier Kanu fahren wollten und der Fluss nicht mehr genug Wasser dafür hatte. Damals konnte man auch noch auf der obersten Galerie über das Aquädukt laufen, heute ist das abgesperrt, da viel zu gefährlich.

1985: Furchtlos auf der Pont du Gard
2024 sind wir vorsichtiger

Es stellt sich als sehr gut heraus, dass wir so viel Zeit am Pont du Gard verbracht haben. Auf der kurzen Fahrt nach Avignon bekommen wir eine Warnmeldung aufs Handy, dass extremes Hochwasser an der Rhone erwartet wird. Nicht gut, denn wir wollten in Avignon auf einem Campingplatz auf der Ile de Bartelasse, einer Insel in der Rhone, übernachten. Die wird gerade von der Polizei geräumt, ebenso wie die Parkplätze entlang der Rhone. So bleibt uns nur ein kurzer Blick auf den Papstpalast und die Altstadt. Aber besser, als wir hätten es uns bereits auf dem Camping gemütlich gemacht und dann aufbrechen müssen!

Auf einem Supermarktparkplatz suchen wir erstmal nach einer Alternative für unsere Übernachtung. Das ist nicht so einfach, denn die meisten Campingplätze haben bereits geschlossen. Der erste Platz, bei dem wie anrufen ist voll (Saint Remy de Provence), aber in Maussanes-les-Alpilles meint die Dame am Telefon, sie hätte noch Plätze, würde aber um sechs ihr Büro schließen. Wir treffen kurz nach sechs ein und stehen vor der geschlossenen Schranke. Telefonisch bekommen wir den Code genannt und können uns selber einen Platz aussuchen. Schade nur, dass aus der geplanten Besichtigung von Avignon nun nichts werden wird!

Am nächsten Morgen scheint die Sonne und wir beschließen, eine kleine Radtour in den Alpilles zu machen. Auf die Besichtigung von Les Baux (ein weiteres touristisches Highlight) verzichten wir, das hat uns schon in den 1985 nicht gefallen. Dafür genießen wir die schöne Landschaft der Alpilles auf ruhigen Nebenstraßen, laufen zu einem Aussichtspunkt und picknicken dort. Eine wunderschöne, liebliche Landschaft! Die finden offensichtlich nicht nur wir schön, sondern auch viele wohlhabende Leute. Es gibt auffällig viele, sehr große schöne Landhäuser und auch einen großen Golfplatz. Zum Abschluss nehmen wir auf dem Kirchplatz von Maussanes noch einen Aperitif zu uns.

Als nächsten Übernachtungsort haben wir uns Sanary-sur-Mer ausgeguckt. Der Campingplatz dort hat noch offen und ist eine günstige Basis, um am Nachmittag die Gegend zu erkunden, wo all die berühmten deutschen Emigranten nach der nationalsozialistischen Machtübernahme gelebt haben:  Brecht, Feuchtwanger, die gesamte Familie Mann, Werfel, Zweig und viele andere. Leider wird auch aus diesem Plan nichts. Wir kommen um halb zwölf an und der Platz ist bereits voll. Wir suchen über Google Maps und Google Streetview nach einer Parkmöglichkeit, aber: alles mit Höhenbegrenzungen versehen. Keine Chance, ein Wohnmobil für eine Stadtbesichtigung zu parken! Man merkt schon, dass man an der Cote d’Azur ist, so etwas ist uns bisher auf unserer Reise noch nicht passiert.

Nunmehr vorgewarnt, versuchen wir auf einem der beiden noch nicht geschlossenen Campingplätze auf der Halbinsel von Giens bei Hyeres einen Platz zu bekommen. Der eine hat erst in der nächsten Woche etwas frei, der andere immerhin am nächsten Tag. Dort buchen wir drei Nächte übers Internet und müssen für diesen „Service“ 20 Euro Gebühr bezahlen. Bleibt eine Nacht, die wir irgendwie überbrücken müssen. Stellplätze gibt es in der Gegend nicht, eine Nacht auf einem Parkplatz scheint angesichts der Verbreitung von Höhenbegrenzungen auch nicht machbar, die Campingplätze weiter im Inland sind alle bereits geschlossen. Nur einer hat noch offen, dort fahren wir also hin.

Nicht der schönste Platz von allen! Viel feuchter Untergrund, Gras ewig nicht geschnitten, alte Sanitäranlagen, aber so gut wie leer und besser als der Parkplatz eines Supermarktes!

Dafür ist unser vorgebuchter Platz auf der Halbinsel von Giens sehr schön! Ein Campingplatz wie früher, Terrassen unter Pinien und alles sehr gepflegt in schöner, ruhiger Umgebung, fußläufig zum Strand. Aber komplett belegt, bis zum letzten Platz und das Ende Oktober, kurz vor der Schließung. Die zweiwöchigen französischen Herbstferien sind auch keine Erklärung, denn die Gäste sind überwiegen Deutsche und Schweizer. Nicht nur Ältere, wie wir es bisher erlebt haben, sondern viele junge Paare (Surfer!) und Familien. Nachdem es hier so schön ist und das Wetter noch einen Tag über unsere vorgebuchte Zeit hinaus schön bleiben soll, buchen wir gleich noch eine weitere Nacht hinzu.

Camping inmitten von Pinien
Abendlicher Blick nach oben

Einen Tag verbringen wir mit einer Radfahrt zum Hafen und an den langen Strand, der die Halbinsel mit Hyeres verbindet. Hier gibt es kaum Wellen, das Wasser ist flach, der Wind ist gut: perfekt für die vielen Wind- und Kitesurfer.

Blick vom Hafen hinüber nach Poquerolles
Am Plage de Almanarre

Am nächsten Tag nehmen wir mit unseren Rädern die Fähre nach Poquerolles auf einer der Inseln vor Hyeres. Diesen Ausflug haben uns Justus und Melissa empfohlen und er lohnt sich wirklich. Die Insel ist sehr bergig, es geht auf holprigen, ungeteerten Wegen ständig bergauf und bergab, aber es lohnt sich! Steilküste, Pinienwälder, Weinfelder und schöne Sandstrände sind die Belohnung. Am schönsten ist der Plage de Notre Dame: Wasser wie an der Karibik. Ulrike geht noch baden und das Schwimmen im glasklaren Wasser ist ein Traum!

Fähre für Personen und Fahrräder nach Poquerolles
Steilküste am Leuchtturm
Fort du Grand Langoustier im Westen der Insel
Fort du Petit Langoustier auf seiner eigenen Insel
Plage du Notre Dame
Bad im Mittelmeer, Ende Oktober

Am nächsten Tag laufen wir ein Stück des Sentier Litoral am westlichen Ende der Insel. Der Weg führt ständig am Abgrund entlang und ist in sehr schlechtem Zustand. Die tollen Ausblicke sind eher nichts für Peter mit seiner Höhenangst. Den Rückweg wählen wir daher lieber durch den Wald.

Inseln vor der Halbinsel von Giens

So haben wir noch einige schöne Tage am Mittelmeer und genießen es ganz besonders, abends bis zehn Uhr draußen sitzen zu können und tagsüber Sommerkleidung zu tragen. Dabei ist es Ende Oktober!

Zur Abwechslung wollen wir für den Nachhauseweg nicht die Autobahn über Lyon nehmen, sondern über Italien zurückfahren. Die Autobahn führt über viele Brücken und Tunnels und ist landschaftlich schön. Im Raum Nizza/Cannes/Menton hat man schöne Ausblicke aufs Meer. Aber all diese Orte sind nichts für Wohnmobile, viel zu eng, steil und belebt. So bestätigen sich die Erfahrungen von unseren Touren in den 80er Jahren: man ist an der Cote d’Azur abseits der Küste besser aufgehoben! Wir bevorzugen es nun mal, wenn man seine Reiseroute nicht exakt vorausplanen muss und mögen es gar nicht, wenn man Campingplätze voraus reservieren muss, um noch einen Platz zu bekommen.

Etwas überrascht hat uns, dass viele Campingplätze bereits Ende September schließen und im Oktober nur noch wenige Plätze offen sind. Am 3.11. schließen dann auch sie. Will man ab November reisen, bleiben nur noch Stellplätze….

Nach zwei Übernachtung auf einem Stellplatz in der Poebene und einem nahe Innsbruck sind wir wohlbehalten wieder zuhause. Schön war es und wir hatten (auch dank flexibler Routengestaltung) überwiegend gutes bis sehr gutes Wetter. Und wie jedes Mal zuvor hat uns Frankreich wieder sehr gut gefallen. Es ist aber auch ein ideales Land für Reisen mit dem Wohnmobil, weil Stellplätze für Wohnmobile und günstige Campingplätze im Inland und an der Atlantikküste zahlreich vorhanden sind.

Wie immer ist es seltsam, zuhause so viel Platz zu haben und so viel Besitz. Das Leben im Balu auf 12 m2 Küche/Bad/Wohnen/Schlafen mit reduziertem Haushalt und Kleidung empfinden wir immer wieder als befreiend! So freuen wir uns schon auf eine nächste Tour nach der Winterpause!

2 Antworten

  1. Hallo Ihr Lieben,
    danke für den Bericht. Für mich entnehme ich die Erkenntnis, dass wir in der Bretagne besser aufgehoben sind, mit der Einschränkung der kürzeren Saison und des häufigren Schlechtwetters.
    Unsere etwas unglückliche, in Baume_Les-Dames vorzeitig beendete Südfrankreich-Herbstfahrt wäre wegen der von Euch beschriebenen Probleme ohnehin nicht das geworden was wir uns vorgestellt hatten.

    Wir waren insgesamt erstaunt, wie viele Womos im November noch unterwegs waren und wie voll die Plätze in BRD und Frankreich waren. Wahrscheinlich der Klimawandel 😉 Und schade dass man die A3, A5 und A6 nicht vermeiden kann wenn man nach Frankreich und zurück fährt.

    Viele Grüße
    Horst

  2. Wir greuen uns, dass ihr wieder wohlbehalten daheim angekommen seid. Hoffentlich klappt es bald mal mit einem Treffen!
    Herzliche Grüße,
    Irmgard und Manfred

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